Bitcoin, die Tulpenzwiebel von heute

In meiner Schulzeit empfand ich das Fach Geschichte immer als außerordentlich langweilig, zumal sich der Unterrichtsstoff irgendwie von Jahr zu Jahr wiederholte, aber stets vor dem Ersten Weltkrieg endete. Vermutlich war der Zweite Weltkrieg damals noch nicht lang genug vorbei, als dass die Herren Studienräte sich mit der jüngeren deutschen Vergangenheit hätten beschäftigen wollen. Heute stehe ich dieser Disziplin weitaus offener gegenüber. Zumal sich Geschichte wiederholt, auch wenn die Protagonisten wechseln. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gelangten aus dem Osmanischen Reich die ersten Tulpenzwiebeln in die Niederlande. Heute können wir diese Zwiebeln im Hunderterpack für 2,99 Euro kaufen. Damals sah es anders aus:

 

Um die bis dato unbekannten Blumen entwickelte sich erst eine Liebhaberei, dann ein regelrechter Hype. Bald galten Tulpen, deren Preise stiegen und stiegen, als Statussymbol, schließlich als Aushängeschild der Superreichen. Denn in der Spitze hatte die Spekulationswut den Preis für eine einzige Zwiebel auf den Gegenwert einer sechsspännigen Kutsche nebst Rössern katapultiert. Wie die Sache ausging, ahnen Sie. Wie beim unsachgemäßen Aufziehen eines Uhrwerks: Nach ganz fest kommt ganz locker. Spekulationsblasen gibt es also nicht erst in Zeiten computergesteuerter Hochfrequenzmärkte, es gibt sie, seitdem Menschen Handel treiben und der „Wert“ von Werten subjektiven Entscheidungen unterworfen ist. Auf die Tulpenmanie folgten die Mississippi-Blase und die Südseeblase. Und in unserer Zeit die Bubble der vermeintlichen New Economy und des Hypotheken-/Immobilienbooms. Das neue Objekt der Begierde sind die Kryptowährungen und hier insbesondere der Bitcoin, der in dieser Woche erstmals die Schwelle von 10.000 US$ übersprang.

Der „innere Wert“, wie es in der Börsensprache heißt, einer ins Uferlose hochgetriebenen Tulpenzwiebel bestand eben in dieser Zwiebel, der innere Wert einer EM-TV-, CMGI- oder Gigabell-Aktie bestand aus Phantasie. Der innere Wert des Bitcoin, den kaum jemand versteht, liegt ebenfalls bei Null. Gestern gab die US-Derivateaufsicht CFTC bekannt, es der Chicago Mercantile Exchange (CME) und der CBOE (Chicago Board Options Exchange) zu erlauben, Terminmarktkontrakte (Futures) auf den Bitcoin aufzulegen. Die als Margin bezeichnete, vom Käufer verlangte Sicherheitsleistung bei Wetten auf einen steigenden

Bitcoin liegen wegen dessen erratischer Schwankungen bei 35 – 40 Prozent. Das heißt:

Endlich kann man am Terminmarkt auf die Preisentwicklung von faktisch „Nichts“ spekulieren, muss dafür aber „richtiges“ Geld in die Hand nehmen.

Es mag sein, dass es einmal Anleger gab, die sich aus schwindendem Vertrauen in Papiergeld in den Bitcoin geflüchtet haben; heute scheint dessen Preis aber nur von Rekord zu Rekord zu eilen, weil er eben so stark steigt. Sieht man sich den Chart von CME an, fällt zweierlei auf. Erstens: Parallel zum neuen Hoch des Bitcoins erreichte die Aktie zum Wochenschluss ein neues Allzeithoch, das allerdings nicht von steigenden Umsätzen begleitet wurde. Und: Wer glaubt, sich hier gegen potentielle Marktrisiken absichern zu können, der sollte sich einmal den Kursverlauf von CME von 2007 – Frühjahr 2009 anschauen. Dass ein durch nichts hinterlegter Bitcoin so etwas künftig ausschließen kann, ist ein Traum, aus dem es kein gutes Erwachen geben wird.

Gewiss: Die digitale Währung kann nach der Zulassung zum Terminmarkt noch viel, viel höher steigen.

Aber: Auch ihr wird das Schicksal der Tulpenzwiebeln zuteilwerden. Dann hat es sich ausgeblüht.

Dies war ein Gast-Beitrag von Axel Retz. Mehr solcher Beiträge bekommst Du in seinem Newsletter auf www.private-profits.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere